Unterwegs

Auf der Flucht-0
April 7, 2013
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Auf der Flucht

Sofasurfen ist eine tolle Sache, wenn man wie ich nach den Fiestas von Cartagena und Santa Marta den Massen mal entkommen möchte. Wie es der Zufall so wollte, landete ich mit Nico und seiner Freundin Beatriz bei seiner Familie in Sogamoso, rund 200 Kilometer nordöstlich von Bogota. Und der gleiche Zufall wollte es wohl, dass ich dabei auch mit einem der zentralen Konflikte Kolumbiens in Berührung komme: denn auch hier dreht sich fast alles um den Besitz von Grund und Boden. Aber der Reihe nach: In einer der abendlichen Familienrunden erzählte der Familienvater, Don Miguel, dass sie früher weiter östlich in einem kleinen Dorf lebten, dort, wo die Anden zu den Ebenen der “Llanos” hin abfallen. An einem Sonntagmorgen über 20 Jahren wurde der Gottesdienst vom Lärm mehrerer LKWs unterbrochen, die einen Trupp Paramilitärs im Dorf abluden. Diese erklärten der versammelten Dorfgemeinde, dass sie drei Tage Zeit hätten, ihre Sachen zu packen und die Gegend zu verlassen – wohin auch immer. So floh meine Gastfamilie damals nach Sogamoso.

Leider ist diese Geschichte kein Einzelfall und in Kolumbien ist das Thema auch alles andere als Geschichte, im Gegenteil: Amnesty International berichtet, dass allein 2010 280.000 Kolumbianer gezwungen wurden, ihre Heimat zu verlassen. Je nach Quelle sind es insgesamt zwischen 3,6 Millionen (Regierungsangabe basierend auf den Zahlen der offiziell Registrierten) und 5,2 Millionen (Amnesty International inkl. Schätzung der Dunkelziffer) internen Flüchtlinge seit Beginn der Konflikte in den 50er Jahren. Opfer der Vertreibung ist die einfache Landbevölkerung – und hier vor allem indigene Gruppen – deren Belange nach wie vor am wenigsten Gehör finden. Meist ist es der schnöde Mammon, dem ganze Dorfgemeinschaften weichen müssen: Im Falle Don Miguels waren es die Goldfunde in seiner Heimat, die die Begehrlichkeiten einer südafrikanischen Minengesellschaft weckten und die sich mittels der Paramilitärs Zugang dazu verschafften. Edelmetalle und fossile Energieträger sind die wesentlichen Gründe für die illegale Landnahme – aber längst nicht mehr die einzigen. Die Guerillas (die einst ihren Ursprung in der Bekämpfung eben jener Praktiken hatten, mittlerweile aber ihre idealistischen Ziele und damit auch jeglichen Rückhalt in der Bevölkerung verloren haben) und die Paramilitärs (die wiederrum von reichen Großgrundbesitzern gegründet wurden, um die linken Guerillas zu bekämpfen) tragen ihre Konflikte auf dem Rücken der Landbevölkerung aus, die nach wie vor vor den bewaffneten Auseinandersetzungen flieht. Und dann gibt es ja auch noch die Drogenmafia, die in einigen Regionen auch ein gesteigertes Interesse an Landbesitz hat.

Nach der Amtszeit von Präsident Uribe (2002-2010), der mit der harten Hand der US-Militärhilfe gegen die Guerillas und mit der weichen Hand der Amnestie gegen die Paramilitärs vorging (immer wieder gibt es Mutmaßungen über seine Verbindungen zu letzteren), wählt sein Nachfolger Santos eine etwas andere Linie, um den Konflikt zu lösen. Erstmals erkennt Kolumbien offiziell das Problem der internen Flüchtlinge an. Und letztes Jahr verabschiedete seine Regierung ein Gesetz, das bis 2020 die Wiedergutmachung der Vertreibungen zum Ziel hat. Daneben finden derzeit auf Kuba Friedensverhandlungen mit der größten Guerillagruppe (FARC) – bzw. mit derem übriggebliebenen politisch motivierten Arm – statt. Dreh- und Angelpunkt hierbei: eine Landreform, die endlich die zentralen Probleme des Landes angeht. Wie erfolgreich die beiden Vorhaben sein werden, muss sich noch zeigen – aber immerhin sind zwei Schritte in die richtige Richtung gemacht.

Don Miguel und seine Familie wollen von der Unterstützung zur Rückkehr in ihre Heimat nicht Gebrauch machen, ihre neue Heimat ist Sogamoso. Sie bemühen sich aber um eine Entschädigung für das erlittene Unrecht.

Neben so viel Politik haben sie mir aber auch voller Stolz ihre neue Heimat gezeigt: das Valle del Sol mit seinen hübschen weissen Bergdörfern, das herrliche Kolonialstädtchen Villa de Leyva, die Höhen der Anden mit seiner einzigartigen Paramo-Landschaft und die Nebelwälder in den tieferen Regionen. Traumhaft – und genau das richtige nach der Überdosis touristischen Kulturimports an der Karibikküste. Jetzt fehlt nur noch ein guter Kaffee zum Wohlgefühl a lá Colombia. Dazu im nächsten Beitrag 🙂

Villa de Leyva

Villa de Leyva

Villa de Leyva

Villa de Leyva

Villa de Leyva

Villa de Leyva

Sogamoso

Sogamoso

Salto de Candela

Salto de Candelas – mit 270 Metern der zweithöchste Wasserfall Kolumbiens

Rio Cusiana

Rio Cusiana

LKW-Waschanlage

LKW-Waschanlage – Dank der extremen Höhenunterschiede gibt es Wasserdruck gratis

Valle del Sol

Valle del Sol

Laguna de Tota

Laguna de Tota – Gibts bald Regen?

Iza

Iza – eines der hübschen weissen Bergdörfer

Iza

Iza – mit Caddi

Gewitter im Anmarsch

Gewitter im Anmarsch

Kaffee im Anmarsch

Kaffee im Anmarsch


1 Comment

  1. Reply

    Katrin

    April 8, 2013

    Hi Mathias,
    erschreckend von der Historie zu lesen, aber auch spannend, wie Kolumbien das Problem lösen möchte. Hoffen wir, dass es klappt.
    Die Bilder im Blog sind toll.
    Freue mich auf deinen nächsten Bericht!
    Bis dahin sonnige Grüsse aus Hamburg
    Katrin


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